Einstieg

Was ist „kritische Psychologie“?

 

Die eine „kritische Psychologie“ (mit kleinem k) gibt es nicht. Das „Kritische“ umfasst vielmehr als kleinsten gemeinsamen Nenner aller „kritischen“ Psychologien zum einen die Kritik am quantitativ orientieren Mainstream der Psychologie und zum anderen die „Kritik an irgendeinem Aspekt des gesellschaftlichen Status quo“ (Markard, 2009, S. 13)1. So sind beispielsweise „Geschlechterverhältnisse“ ein Bereich des gesellschaftlichen Status quo, mit dem sich die feministischen Psychologien kritisch auseinandersetzen. Neben der feministischen Psychologie nennt Markard (ebd.) des Weiteren die Psychoanalyse, kulturpsychologische und poststrukturalistische Richtungen als Beispiele kritischer Psychologien. Es gibt viele Psychologien, die kritisch sind im Sinne des oben genannten kleinsten gemeinsamen Nenners, was nicht bedeuten muss, dass sie sich selbst auch als kritisch bezeichnen würden und umgekehrt. Einfach ausgedrückt: Es gibt weder die eine kritische Psychologie noch eine festgesetzte Definition beziehungsweise Zugehörigkeit zur kritischen Psychologie. Es muss vielmehr im Einzelfall betrachtet werden inwiefern die jeweilige Psychologie als kritisch betrachtet werden kann bzw. will oder nicht.

Anders verhält es sich mit der Kritischen Psychologie, für welche das große „K“ gewählt wurde um sie von den kritischen Psychologien abzugrenzen. Sie bleibt kritisch, da sie die Kritik am experimentellen Mainstream teilt und den gesellschaftlichen Status quo der kapitalistischen Produktionsweise problematisiert indem sie deren inhärenten Zwänge offenlegt und hinterfragt. Im Gegensatz zu den anderen kritischen Psychologien geht sie aber über eine reine Kritik hinaus und hat einen eigenen paradigmatischen Anspruch. Das heißt, die Kritische Psychologie hat den Anspruch eine neue Psychologie zu schaffen, in der die vorangegangene Herrschafts- und Wissenschaftskritik überschritten wird. Um diesem Anspruch gerecht zu werden beginnt sie mit der Erschließung (historischen Rekonstruktion) des Gegenstands selbst (des Psychischen). Sie erstellt(e) und arbeitet mit einem neuen Kategoriensystem und schafft darauf aufbauend eine eigene Forschungsperspektive und einen eigenen Methodenkanon. Die Besonderheit dieses Ansatzes besteht darin, dass der Mensch in seiner Spezifik der doppelten Möglichkeit begriffen wird. Diese besagt, dass der Mensch einerseits unter gesellschaftlichen Bedingungen lebt, die er andererseits selbst mit schafft. Damit ist der Mensch weder der Gesellschaft abstrakt gegenüber gestellt, noch von ihr bedingt, sondern er wird als gesamtgesellschaftlich vermittelt begriffen (vgl. Holzkamp, 1983)2.
Durch diesen Ansatz stellt die Kritische Psychologie das Indivduum in seiner Gesellschaftlichkeit ins Zentrum ihres Interesses und versucht  damit individualistische und massenpsychologische Verkürzungen zu vermeiden.


1 Markard, M. (2009). Einführung in die Kritische Psychologie. Hamburg: Argument.
2 Holzkamp, K. (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt: Campus.